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„Bio und Fairtrade sind keine Konkurrenz“

Hartwig Kirner ist seit 2007 Geschäftsführer von Fairtrade Österreich.
Hartwig Kirner ist seit 2007 Geschäftsführer von Fairtrade Österreich.

Mag. Hartwig Kirner, Geschäftsführer von Fairtrade Österreich, sprach mit GASTRO über das abgelaufene Geschäftsjahr, Österreich als Vorreiterland des fairen Handels und die Auswirkungen der aktuellen Inflation auf die Nachfrage von Fairtrade-Produkten.

GASTRO: Wie hat sich das Geschäftsjahr 2021 für Fairtrade in Österreich entwickelt?
Hartwig Kirner: Sehr gut, Fairtrade-Produkte haben im letzten Jahr einen Rekordumsatz in Österreich erzielt. Geschätzte 485 Millionen Euro bedeuten ein Plus von 24 Prozent. Das zeigt auch ganz klar: die aktuelle Zeitenwende, die wir alle erleben, bringt auch eine echte Chance auf Veränderung mit sich. Die richtigen Lehren werden gezogen und es ist die Bereitschaft da, mehr für nachhaltig produzierte Produkte zu zahlen.

Seit über zwei Jahre leben wir jetzt mit Corona – wie hat sich die Pandemie auf den Absatz von Fairtrade-Produkten ausgewirkt? Und konnte ein eventuelles Plus im Handel den Rückgang in der Gastronomie ausgleichen?
Erfreulicherweise ist der Absatz in den vergangenen Jahren sogar kontinuierlich gestiegen. Kakao mit einem Plus von 33 und Orangensaft mit zusätzlichen 14 Prozent verbuchten im Vorjahr das größte Wachstum. Kaffee hatte im Jahr 2020 noch ein sattes Plus von mehr als 10 Prozent, in diesem Jahr hingegen ein Minus von 5 Prozent. Darin spiegelt sich aber einerseits wider, dass wir im ersten Pandemie-Jahr viele Hamsterkäufe hatten, andererseits die Gastro lange zu war.

Generell steigen derzeit alle Lebensmittelpreise in den Himmel. Spürt Fairtrade das bei der Nachfrage, werden „faire“ Produkte schon bald zum Luxus, den sich nur mehr wenige leisten können?
Ich glaube, das wird nicht passieren. Bei den bisherigen Krisen haben wir sogar eine Zunahme des fairen Handels beobachtet. Das war auch schon 2008 so. Es zeigt sich: Produkte müssen nachhaltiger hergestellt werden. In der Vergangenheit hat oft die Öffentlichkeit die Kosten für soziale oder ökologische Nebenwirkungen gezahlt. Diese Kosten – unter anderem für den Einsatz von fossilen Brennstoffen – kommen in der aktuellen Krise langsam ans Licht und neben Fairtrade steigt auch Bio aktuell sehr stark. Das ist ein Signal, auch für Unternehmen und den Handel insgesamt.

Gibt es derzeit Lieferengpässe bei bestimmten Produkten?
Nein, aber natürlich machen die steigenden Energiepreise entlang der Lieferketten Probleme. Von den Teuerungen sind weltweit derzeit alle betroffen, egal ob es um den Transport, die Verpackung oder Düngemittel geht. Außerdem sollte man die Folgen des Klimawandels künftig nicht unterschätzen. Gerade der Kaffeepreis ist zuletzt deutlich gestiegen, weil extreme Wetterkapriolen, unter anderem im größten Exportland Brasilien, das Erntevolumen deutlich reduziert haben und es ist davon auszugehen, dass so etwas künftig häufiger geschieht.

Mit wie vielen Produzenten in wie vielen Ländern sind Sie derzeit unter Vertrag? Und wie entwickeln sich diese Zahlen?
Mittlerweile gibt es knapp 1,8 Millionen Kleinbauern sowie rund 180.000 Beschäftigte auf Fairtrade-Farmen in Afrika, Asien und Lateinamerika sowie der Karibik. Fairtrade-Rohstoffe werden aktuell in 72 Ländern hergestellt. Diese Zahlen sind seit Jahren steigend. Die meisten Kleinbauernfamilien im Fairtrade-System bauen derzeit Kaffee und Kakao an. In Österreich arbeiten wir mittlerweile mit 170 Partnerfirmen zusammen.

Wo liegt Österreich derzeit pro Kopf gerechnet bei Fairtrade-Ausgaben im internationalen Vergleich?
Österreich ist mittlerweile in den Top-3 weltweit angekommen, was den jährlichen Pro-Kopf-Konsum angeht. Weltmeister ist die Schweiz mit umgerechnet etwas über 100 Euro, Österreich und Irland liegen jeweils bei knapp über 50 Euro. Zum Vergleich: In Deutschland ist die Zahl mit rund 25 Euro nur knapp halb so hoch. Man kann also durchaus sagen: Österreich ist eines der Vorreiterländer des fairen Handels.

Wie entwickelt sich die Zahl der Gastronomiebetriebe, die mit Fairtrade-Produkten arbeiten?
Österreichweit gibt es mittlerweile rund 2.000 Cafés, Bäckereien, Hotels, Restaurants und Kantinen, die auf Fairtrade-Produkte, allen voran Kaffee setzen. Da sind viele Einzelbetriebe mit dabei, aber auch große Ketten. Die Bäckerei Ströck beispielsweise hat mehr als 70 Filialen in Wien und ist langjähriger Partnerbetrieb von Fairtrade. Im Westen hat die Bäckerei Therese Mölk als Backwaren-Hersteller für den Lebensmittelhändler MPREIS und die Baguette Bistros gerade den Kakao bei Schokolade-Backwaren auf Fairtrade-Kakao umgestellt.

Welche Fairtrade-Produkte sind aktuell die umsatzstärksten in Österreich?
Schokolade und Süßwaren machen mittlerweile mehr als 50 Prozent vom Umsatz aus, gefolgt von Kaffee und Heißgetränken sowie Bananen, die auf jeweils 14 Prozent kommen. Kleinere Kategorien, die aber auch wesentlich zum großen Ganzen beitragen sind unter anderem Rosen, Baumwolle und Reis.

Wird es in diesem Jahr wieder eine spezielle Fairtrade-Aktion für die Gastronomie geben?
Wir werden vor dem Tag des Kaffees für Partner ein Social Media-Package zur Verfügung stellen, mit Vorlagen, Bildern und Textbausteinen, das übernommen werden kann. Zudem produzieren wir wieder eine Fairtrade-Zeitung, die ebenfalls um den Tag des Kaffees herum erscheinen wird und die wir Partnerbetrieben kostenlos als Informationsmaterial zur Verfügung stellen. Auch auf der „Alles für den Gast“-Messe in Salzburg sind wir jährlich vertreten und haben dort einen Informationsstand für alle Interessierten. Das ganze Jahr über sind Gastronomen zudem dazu aufgerufen, bei unserer Aktion „Wir kochen fair“ mitzumachen und Gerichte mit Fairtrade-Zutaten wie Gewürzen, Kokosmilch und Reis aufzutischen.

Sehen Sie Fairtrade eigentlich als Konkurrenz zum Bio-Siegel, das in Österreich sehr beliebt ist?
Nein, überhaupt nicht. Bio und Fairtrade haben sich in der Pandemie gleich gut entwickelt und sind auch oft gemeinsame Produktmerkmale. Beispielsweise liegt der Bio-Anteil bei Fairtrade-Bananen bereits bei 96 Prozent, bei Kaffee immerhin bei 70 Prozent. Regionalität, Bio und Fairtrade ergänzen sich perfekt. Was nicht in Österreich wächst, kann dennoch regional produziert werden, fair gehandelt und wenn möglich biologisch angebaut sein. Das sind die Säulen der Nachhaltigkeit.

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